Mundraub im Land der Alleen


Obstalleen für alle?

Obstalleen und die mundraub-Karte gehören seit Anfang an zusammen. In Apfel-, Birnen-, Zwetschgen oder Kirschalleen wird der Obstreichtum zwischen Dörfern und Städten radelnden, schlendernden oder Auto fahrenden Menschen wie nirgends sonst vor Augen geführt.

Im letzten Herbst haben wir für den Bugaloo auch eine Obstallee im Havelland beerntet. Hier stehen unter anderem die Apfelsorten Rheinischer Bohnapfel und Ontario.
ARTE war zu Gast und hat uns mit der Kamera über die Schulter und in den Korb geschaut. Am Dienstag, 14. April sind diese und andere Bilder ab 19:30 Uhr in „Die Alleenstraße“ zu sehen.  

Entstehung und Status Quo

Nach heutigem Wissenstand wurden die ersten Alleen ca. 1000 v. Chr. angelegt - in Ägypten. Auch hier spielten Fruchtbäume schon eine Rolle. Etwa 1200 n. Chr. war das Pflanzen von Alleen in Italien sehr beliebt, im Barock des 17. Jahrhunderts erreichten Alleen dann einen Höhepunkt: Sie wurden in den Gärten und Parks angelegt, die zu dieser Zeit ja Konjunktur hatten denn das Auge flaniert ja bekanntlich mit. Oder etwa nicht? Der Name `Allee` ist schließlich dem französichen `aller` (gehen) zu verdanken.    
Die ältesten Alleen Deutschlands werden auf 400-500 Jahre geschätzt, können also durchaus noch vor 1600 entstanden sein. 
Ab 1600 ist hierzulande das Bepflanzen von Wegen mit Baumreihen überliefert, im Laufe des 18. Jahrhunderts stieg deren Beliebtheit, auch der Adel legte auf seinen Höfen und Landsitzen Alleen an.

Der Alte Fritz triebs auf die Spitz`  

Friedrich II. ließ um 1759 in der Kurmark Brandenburg über 160.000 Alleenbäume in den Boden bringen. Alleen sind auch heute noch unübersehbare Landschaftelemente in Brandenburg. Wenn ich mit meinem Fahrrad üers Land eiere, weiß ich ein schattenspendendes und vor Wind schützendes Blätterdach zu schätzen. Im 19. Jahrhundert förderten noch weitere Landesfürsten das Anlegen von Alleen.     

Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind spitze

Insgesamt 17.000 km Alleen flankieren hier die Verkehrswege, deren Nutzungsintensität sich im letzten Jahrhundert grundlegend gewandelt hat. MIt dem Auto stieg nicht nur der Verkehr, sondern vor allem die Belastung der Bäume durch Abgase, Staub und auch mechanische Einwirkungen. Viele Alleen haben Autos Platz machen müssen. Und da Autos nach wie vor den Verkehr bestimmen, hält diese Entwicklung leider an.

Heute haben die meisten Obstbäume entlang von Straßen im wahrsten Sinne des Wortes einen schweren Stand. Viele Obst-Alleen werden gerodet, da Obst auf Fahrbahnen nicht gern gesehen ist, vereinzelt sogar den Verkehr gefährden soll. Im scheinbaren Überfluss lebend, hat das Straßenobst hierzulande an Bedeutung verloren. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde dessen Anbau gefördert, sollte dieses Obst doch einen Teil zur Ernährungssicherung der Bevölkerung beitragen. Die Alleebäume wurden von Privatpersonen oder Betrieben gepachtet.

Der Rückgang von Obstalleen ist auch an der Mundraub-Map abzulesen. Mundräuber Kane hat z.B. einen Fundort verkleinern müssen, weil mehrere Birnen gefällt wurden. Herbert Ritthaler hat einen herrlichen Birnbaum fotografiert und diese sog. Weinbirne mit euch geteilt. Den Baum finde ich sehr eindrucksvoll. Bei einem Blick "hinter die Kulissen" fällt allerdings auf: Die Birne ist allein auf weiter Flur. Kein Nachwuchs, also keine Birnen, Kirschen oder Äpfel für die kommenden Generationen. 
Sollte uns dieses wichtige Kulturgut also still und leise verloren gehen?

Obstalleen im 21. Jahrhundert

Seit einiger Zeit schon fragen wir uns, ob wir nicht auch eine Art "Schwarzliste Alleen" auf mundraub.org anlegen sollten. Denn in unserer Wahrnehmung verschwinden viele Alleen, darunter nicht nur Obstalleen. Nachpflanzungen sind nicht immer die Folge und selbst wenn nachgepflanzt wird, so vergehen doch Jahrzehnte oder Jahrhunderte bis die neue Allee wieder die ökologische und ästhetische Funktion ihrer Vorgängerin ausfüllen kann.

Mit dieser Schwarzliste und einer großen Interessengemeinschaft für (Obst-)Alleen, das sind u.a. WIR alle, die Mundraub-Community, lässt sich sicherlich frischer Wind erzeugen.
Der BUND ist im Alleenschutz aktiv und bietet u.a. Patenschaften für Alleebäume an. In Gatersleben (Sachsen-Anhalt) hat die Biohöfe-Gemeinschaft zusammen mit dem BUND und der Naturschutzbehörde eine Kirschallee mit 120 Bäumen angelegt. Für die über 250 (!) Jahre alte Maulbeerallee bei Zernikow (Oberhavel, Brandenburg) setzt sich ein kleiner Verein ein. Im Sommer gibt es ein Maulbeerfest, Patenschaften für die Maulbeeren unterstützen ein Weiterwachsen der geschichtsträchtigen Allee.

Der Wert von Obstalleen ist auch vor dem Hintergrund der Blütenarmut in vielen Landstrichen - oft durch intensive Landwirtschaft und ein "Bereinigen" der Feldflur von allerhand farbenfrohen Kräuterchen - als eher hoch einzuschätzen. InsektenkundlerInnen, ImkerInnen, BotanikerInnen und OrnithologInnen singen ein Lied davon - nicht nur im Frühjahr.   

Sogenannte "fruchtfallende Bäume" scheiden heutzutage allerdings oft gänzlich für die Alleenbepflanzung aus. Dazu zählen neben Äpfeln, Birnen und Kirschen z.B. Kastanien und Eichen. Das durch die reifen Früchte angelockte Wild erhöht den Behörden zufolge das Unfallrisiko.  
Punkten können "neue" Alleenbäume hier sicherlich noch mit einer tollen Herbstfärbung ihrer Blätter oder besonderer Robustheit, z.B. gegenüber Tausalzen.

Obstbäume an der Schnellstraße?

Klar, an stark befahrenen Straßen sind Obstalleen vielleicht nicht die erste Wahl. Da die Bäume hier in allererster Linie der Funktion "Verkehrsweg" untergeordnet werden müssen, können sie auch nicht wie ein Obstbaum erzogen werden. Der Lichtraumprofil-Schnitt (siehe Abbildung) hinterlässt hier seine unübersehbare Handschrift. Durch die Höhe des Kronenansatzes wird das Beernten der Bäume erheblich erschwert. Hiinzu kommt, dass das Ernten bei hohem Verkehrsaufkommen wenig Spaß macht und ist auch nicht ganz ungefährlich sein. Auch die Früchte bekommen an stark befahrenen Straßen in Form von Abgasen ihr Fett weg. Der BUND nennt falschen Baumschnitt und Verletzungen durch Straßenbaumaßnahmen häufige Ursachen für Baumkrankheiten, die zu vorzeitigen Fällungen führen.

Ich weiß von einigen versierten PomologInnen, die, u.a. auch im Auftrag von Landkreisen, Alleen kartieren um die dort wachsenden Obstsorten zu bestimmen. Es ist nicht gerade selten , dass den Behörden die Sortennamen nicht mehr vorliegen, sie aber ein Interesse daran haben. Dabei muss das Interesse nicht immer nur kulturhistorisch bedingt sein. Vielleicht schlummern am Straßenrand ja Obstbäume, die das Regionalklima gut vertragen und vital vor sich hinwachsen.

Warum sollten diese Sorten also nicht auch zukünftig Beachtung finden? Ob Streuobstwiese, Allee oder Garten, so`n Obstbaum kann sich sehen lassen!

Ne Obstallee – genau dein Ding? 

Wir wollen eure Meinung rund um Obstalleen lesen!

  • Was verbindet euch mit Obstalleen?
  • Habt ihr schon an Alleen geerntet?
  • Wird bei euch in der Gegend auch nachgepflanzt, wenn ein paar Bäume die Allee verlassen haben?
  • Sind Obstalleen typisch in eurer Gegend?
  • Würdet ihr einen Obstbaum pachten oder eine Patenschaft übernehmen um dessen Fortbestehen zu sichern?
  • Und wo ist die Allee, die euch schon lange begleitet und Aufmerksamkeit verdient hat?

Eine schöne Obstblüte euch allen!

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Eine der schönsten Obst-Alleen, die ich kenne liegt im so genannten Drachenfelser Ländchen zwischen Wachtberg-Arzdorf und Wachtberg-Villip. Da wären Pflegeschnitte wohl sinnvoll, aber auch so sind die vielen verschiedenen Apfelsorten ein Traum ....

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Jaaaaa..Köpfe zusammenstecken gern...
und vielen lieben Dank für die Informationen..Es wäre wirklich schön, wenn wir drei uns zusammen tun könnten. Daten hat das Mundraub-Team

Nachtrag zu meinem Eintrag eben:
Der VCD (Verkehrsclub Deutschland) kümmert sich zwar derzeit nicht gerade um Alleenschutz im engeren Sinne, aber um umweltgerechte und sozialverträgliche Verkehrsgestaltung allgemein. Schritte in die richtige Richtung wären schon, wenn ADAC-Mitglieder wechseln.

An Kai:
Gern, das Mundraub-Team hat meine Adresse.

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Hi ihr beiden, lasst uns doch mal die Köpfe zusammen stecken.

Mit Alleenschutz ist es wie mit vielen anderen Themen:Dem weitgehend ehrenamtlichen Engagement für echte Nachhaltigkeit steht eine gut bezahlte Wirtschaftslobby entgegen. Die Täuschung auf die Spitze treibt ein recht bedeckt agierender "Verein für nachhaltige Straßengestaltung" (oder so ähnlich) unter dem Dach eines Asphaltkonzerns. Außer lokal begrenzten Initiativen für Alleen vor der Haustür würde ich nur drei Vereine (Angaben sende ich an Mundraub per Mail) als halbwegs aktiv und nicht unterwandert bezeichnen. Ich besitze zwei markante Internet-Adressen zum Thema Alleenschutz und habe Konzepte zu internationalen Vernetzungen gemacht. Die Fortführung entsprechender Projekte übersteigt allerdings meine (vor allem finanziellen) Kapazitäten.Besonders beeindruckt mich das kleine Land Moldova (Republik Moldau, ehemalige Sowjetrepublik Moldawien). Resultierend aus einer Staatsinitiative vor etwa 35 Jahren ist knapp die Hälfte des Straßennetzes mit Walnussbäumen gesäumt.

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Ich finde diesen Beitrag spitze und er spricht mir aus dem Herzen. Ich bin als Kind immer durch eine sehr lange Kirschallee zur Schule gefahren. Aber es wird immer schlimmer. Es stehen nun mittlerweile nur noch 5-6 Bäume da. Was kann ich dagegen tun. Immer mehr Alleen werden zerstört und nichts wird nachgepflanzt. Mit welchem Recht? Wenn mein Opa früher Bäume zu Hause gefällt hat, dann musste und wollte auch immer wieder einen neuen dafür Pflanzen. Doch hier in der Gegend findet das nachpflanzen nicht statt. Die Straßenmeisterei fällt jedes Jahr mehr Bäume (Obstalleen und andere) und ich weiß nicht wie ich dagegen vorgehen kann. Vielleicht kann mir jemand einen Hinweis geben?