Ein Tag in der Räuberhöhle - Subjektiv und ungeschminkt


Was machen wir eigentlich und warum? Der ganz normale Mundraub-Wahnsinn. Ein Tag in unserer Räuberhöhle - beispielhaft, subjektiv und ungeschminkt.

(M)Ein Tag in der Räuberhöhle, irgendwann im September 2014, beispielhaft, subjektiv und ungeschminkt.

Seit August 2014 bin ich Teil der Mundraub-Bande. Es hat keine Stunde gedauert, mich für das Team und die anstehenden Aufgaben zu begeistern. Nun stecke ich bis über beide Ohren in Arbeit. Jeder Tag ein kleines Abenteuer, mit neuen Überraschungen und Herausforderungen. Feste Arbeitszeiten gibt es ebenso wenig wie vorgefertigte Aufgabenprofile, Frühaufstehen lohnt sich allerdings und Büro und Telefon rufen nach Aufmerksamkeit.

Mein Tag in der Räuberhöhle

Wer zuerst in unserem Erdgeschoss in Berlin Alt-Treptow eintrudelt, wirft den Wasserkocher an und verkrümelt sich hinter dem Laptop. Es dauert nicht lange, bis alle Schreibtischplätze besetzt sind. Fünf an der Zahl, drei für uns, zwei für den Rest der Bürogemeinschaft, verstaut hinter einem großen Schaufenster, das Neugierige anlockt und mich immer wieder vom Bildschirm abschweifen lässt. 

09.00 Uhr - Kaum das E-Mail-Postfach geöffnet und den Tee geparkt, klingelt das erste mal das Telefon. Ob ich erklären könne, wie in Duisburg Hagebutten zu finden sind. Der Anrufer, Mitte 70, hätte nicht mehr die Geduld, sich in seinem Alter in das WWW und Computer einzufühlen, wohl aber große Lust, den kürzesten Weg bis zu den Vitaminbomben in seiner Umgebung zu erfahren. Leider kann ich ihm nicht weiterhelfen - Duisburg ist noch ein kleines Ödland in Sachen Hagebutten-Fundorte. Er kommt ins Schwärmen. Wie früher aus einer Not heraus alles gesammelt und gekocht wurde, wieviel Zeit an der frischen Luft verbracht wurde - und wieviel frischer die Luft in Duisburg heute ist. So spannend das Gespräch ist, schweift mein Blick ab Minute 30 regelmäßig ab auf die Uhr.

09:30 Uhr - Ab in den E-Mail-Wust. Am Wochenende hat das letzte Ernte-Camp für dieses Jahr stattgefunden. Ein gelungener Abschluss für eine arbeitsame BUGALOO-Saison. Nun heißt es Fotos Sortieren, einen Blog-Eintrag schreiben, den Helfer_Innen danken, mit der Mosterei sprechen und Saftlieferungen koordinieren.

11:00 Uhr - Die Aufarbeitung des Camps zieht sich etwas. Es hat an der Tür geklopft. Ein interessierter Nachbar stapft zur Tür herein. Er kenne mundraub schon eine Weile und sei ganz begeistert. Nach den Sympathiebekundungen hagelt es Verbesserungsvorschläge und Kooperationsideen. Nicht an Ideen, an Zeit fehlt es. Trotzdem freuen wir uns über jede Möglichkeit, unsere Community auch mal persönlich kennenzulernen.

11:30 Uhr - Die Fotos sind sortiert, der Text muss warten. Ein Anruf des Arte-Video-Teams, das unsere Ernte-Camps begleitet hat. Sie bräuchten noch ein paar Zahlen. Wieder ein Klingeln. Das gleiche Spiel, dieses Mal ist es die Osnabrücker Zeitung, die gerne ein Interview von uns hätte. Wer wir sind, was wir machen und wie wir garantieren könnten, dass niemand an der falschen Stelle Diebstahl beginge. Die üblichen Fragen. Besonders zur Herbstzeit flattern täglich Presseanfragen ins Haus. Radio-, Fernseh- und Zeitungsinterviews. Größenwahn ruft das nicht auf den Plan, wohl aber die Frage nach dem "Woher all die Zeit zur gewissenhaften Beantwortung der Fragen nehmen?". Darum unterbreche ich die Öffentlichkeitsarbeit für ein paar Notizen für unsere unermüdlichen Programmierer, die sich um die Pflege und Entwicklung der Seite kümmern. Wir brauchen eine Presseseite. Aufbau und Inhalte notiert - meine Wunschliste muss die Tage noch mit Texten gefüllt werden.

12:30 Uhr - Schräg gegenüber sitzt Konstantin. Der Sortenkunden- und Baumpflege-Kopf von mundraub ist auch der Wächter über unser leibliches Wohl. Zeit zum Kochen, ein Täschen Tee und eine gemeinsame Mittagspause.

13:00 Uhr - Ein Blick in die neuen Fundorte. Viele Einträge in den letzten Tagen, Himbeeren machen heute das Rennen. Ein Eintrag muss leider vom Nutzer gelöscht werden - eine Streuobstwiese, deren Besitzverhältnisse noch ungeklärt sind. Eine freudige Überraschung aus weiter Ferne: Walderdbeeren in der Mongolei. Ich schweife ab und klicke mich durch die Karte. Lotus in China. Feigen in Jordanien. Die Idee, Sortenvielfalt und heimische Früchtchen zu bewahren kennt keine geografischen Grenzen.

13:20 Uhr - Das Telefonklingeln holt mich zurück von der Gedankenreise. Wir sind eingeladen, mundraub auf einer kleinen Veranstaltung zum Thema nachhaltiger Konsum in Bochum vorzustellen, Fahrt und Übernachtungen könnten leider nicht übernommen werden. Es wäre schön, wenn wir Flyer mitbringen könnten. Die müssten jedoch erst einmal entworfen und gedruckt werden. Unsere Visitenkarte ist unsere mundraub-Karte, die aktive Gemeinschaft und das breite Medienecho. Alles darüber hinaus können wir im Moment finanziell nicht wuppen. Eine halbe Stelle bis Ende des Jahres für Konstantin, schwankende Gehälter für Kai und eine Bundesfreiwilligendienstentlohnung für mich. Wir entwickeln stetig Ideen, mundraub nachhaltig tragfähig zu gestalten. Auch Offline wurden dafür viele spannende Projekte angestoßen. Umweltbildung, der Saft für die Bundesgartenschau, die Entwicklung einer ganzen mundraub-Region, Radtouren, Vorträge, Baumpatenschaften... 

14:00 Uhr - Das Magazin Brigitte möchte unsere mundraub-Tour begleiten. Ein Vorab-Interview und eine Fotoserie werden gewünscht. Presseartikel einpflegen. Kurzer Unmut darüber, dass viele Artikel leider nicht nur aus der Schublade "Copy und Paste" sondern auch noch irreführend sind. "Herrenloses Obst" hat sich in den Medien eingeschlichen und ist einfach nicht mehr rauszubekommen, dabei existiert dergleichen nicht. Auch nicht bei mundraub. Der Artikel-Anfang ist gemacht. Unser Orga-Programm unterbricht mich erneut und schickt mir eine Mail mit einer offenen Aufgabe. Der Newsletter sollte in den nächsten Tagen rausgeschickt werden. Auf einem Papierfetzen notiere ich mögliche Themen, die mit den anderen abgesprochen werden müssen. Die meisten spannenden News sind schon auf unserem Blog zu finden. 

15:00 Uhr - Während Konstantin sich an den Versand der bestellten mundraub-Handbücher macht, versuche ich mich an ein paar Blog-Zeilen - und schweife erneut ab. Wie schön wäre es, für die Zeilen, die wir täglich verfassen ein wenig finanzielle Unterstützung zu erhalten, ohne uns von Werbung oder sponsorengelenkten Texten abhängig machen zu müssen? Ich mache mich an die Skizze eines Artikels zum Thema CO2-Einsparung beim Mundräubern und schreibe ein paar Fahrradläden an, ob sie nicht Interesse hätten den Artikel mit 200€ zu finanzieren und dafür am Ende des Beitrages verlinkt zu werden

15:30 Uhr - Konstantin widmet sich meiner Unvollendeten des Tages. Der Artikel ist fertig. Ein paar Bilder bearbeitet und ab auf den Blog. Zeit das Mietauto auszuräumen. Für das Camp haben wir einiges an Materialien durch Brandenburg chauffiert. Beim Ausräumen der Kisten fällt uns ein, dass die BioCompany für ihre Camp-Unterstützung mit Einkaufsgutscheinen gerne eine Kopie des Artikels hätte.

16:00 Uhr - Es war nur eine Frage der Zeit, bis unser störrischer Drucker den Geist aufgibt. Ein Surren, ein Schnurren und dann ist es soweit - die totale Arbeitsverweigerung. Wir drucken so wenig wie möglich aber ganz ohne… HP hat die Standardantworten aber keine Lösung. Auch der zweite neue Toner verwehrt den Druck. Ärgerlich. Ab auf die ToDo-Liste. Auf der steht auch, dass morgen ein paar Studentinnen aus der Hochschule Eberswalde ein Interview für ihre Bachelor-Arbeit mit uns machen möchten. Konstantin und ich werden mittags aus dem Büro verschwinden. Es geht wieder an die frische Luft. Apfeltag auf dem Abenteuerspielplatz Waslala in Altglienicke. Wir versuchen uns in der Umweltbildung. Äpfel schälen und pressen, Apfelmus und -Saft - ein paar erste Schritte. Wir arbeiten an einem Konzept, zusammen mit Schulen und anderen Jugendeinrichtungen Schulhöfe essbar zu gestalten, Schulsaft herzustellen und uns gemeinsam durchs Apfeljahr zu staunen. Passend dazu, wurden wir heute in einer Zeitschrift für unseren Bildungs- und Abenteuerfaktor gelobt. Wir haben Lust mit Menschen und an der frischen Luft zu arbeiten.

16:30 Uhr - Während ich noch etwas an einem CO2-Artikel schreibe und mich dafür immer tiefer eingrabe in die wenig aufmunternde Lektüre von "Wir konsumieren uns zu Tode", kritzelt meine rechte Hand unbemerkt ein paar Notizen zur Webseite aufs Papier. Wir benötigen ein paar vernünftige Teamfotos, außerdem fehlt ein knapper Text dazu, was mundraub überhaupt ist. 

Hier knüpft eine Diskussion an, die wir immer wieder gemeinsam führen. Was wollen wir erreichen? Schön wäre es, irgendwann die Miete und Serverkosten, Entwicklergehälter und unsere Ausgaben gedeckt zu wissen, dazu eine faire Entlohnung für unsere eigene Arbeit und wir wären schon beinahe zufrieden. 

Wir arbeiten daran, unsere Vision über die Karte hinaus weiterzuentwickeln. Aber was genau ist unsere gemeinsame Vision? Bäume retten? Ganze Landstriche mit freiem Obst versorgen? Die Sortenvielfalt bewahren? Unternehmen zum Umdenken im Umgang mit ihren Ausgleichsflächen bewegen? Unser Konten füllen und in die Karibik auswandern? Die nächsten Wochen widmen wir uns einem Jahresrückblick und der Formulierung unserer mundraub-Vision. "Freies Obst für freie Bürger" war der Einstieg, wir haben uns entwickelt zu "Entdecke deine Umgebung neu" - was kommt danach?

Dieser Artikel wurde mit 100€ und zwei Exemplaren des Buches "Der geschenkte Planet" durch den Westend Verlag Frankfurt gefördert. Vielen Dank für die freundliche Unterstützung!