Der Schwefelporling - ein Baumschmarotzer auf alten Streuobstwiesen

Über den fluoreszierenden Schwefelporling

Wenn dir im frühsommerlichen Wald oder auf der Streuobstwiese plötzlich ein leuchtend orange-gelbes, in üppigen Fächern übereinander gefaltetes Kunstprojekt an einer Kirschbaum- oder Eichenrinde vor die Augen kommt, dann hast du ihn wahrscheinlich gefunden: den Schwefelporling. Der Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) ist einer jener Pilze, die man unmöglich übersehen kann. Während sich seine Kollegen diskret im Gras verstecken, posiert der Schwefelporling mit fluoreszierend orangefarbenen Hutkappen und signalisiert: „Schau mich an! Ich bin etwas Besonderes. Und ich bin essbar!" 

Er ist der einzige Pilz, der aussieht, als hätte ihn jemand mit einem Textmarker angemalt."

Schwefelporling an altem Kirschbaum

Ein Schmarotzer mit Stil

Was den Schwefelporling auszeichnet, ist sein Wohnkonzept: Er bezieht keine Mietwohnung, er besetzt gleich das ganze Haus bzw. den ganzen Baum. Als sogenannter Parasit und Saprobiont befällt er lebende wie tote Laubbäume – bevorzugt Eichen, Kastanien und vor allem auch alte Obstbäume. Er verursacht eine intensive Braunfäule, welche den Baum von innen heraus nach und nach zerstört. Der Baum verliert dabei seine Stabilität, während der Pilz munter weiter wächst.

Für den Baum ist das natürlich keine schöne Geschichte. Für den Pilzsammler hingegen beginnt hier das Abenteuer – denn der Schwefelporling gilt als einer der wenigen wirklich verwechslungssicheren Speisepilze Mitteleuropas. Seine Erscheinung ist so markant, dass selbst Pilzanfänger ihn erkennen.

STECKBRIEF: LAETIPORUS SULPHUREUS
Volksnamen: Schwefelporling, Hühnchen des Waldes, Chicken of the Woods
Erscheinungszeit: Mai bis November, Hauptsaison April bis Juni
GrößeEinzelhüte 5–40 cm breit; Gesamtfrucht bis 50 kg
FarbeLeuchtend orange-gelb bis schwefelgelb (jung)
Lieblingsbäume: Eiche, Kirsche, Kastanie, Robinie, selten Nadelbäume
VerwechslungsgefahrSehr gering – kaum ein Pilz sieht so aus
Genießbarkeit: Essbar (jung!), bei manchen Menschen Unverträglichkeiten

Chicken of the Woods

Im englischsprachigen Raum heißt der Schwefelporling „Chicken of the Woods" – Waldhühnchen. Das junges Fruchtfleisch des Schwefelporlings hat tatsächlich eine fleischige, faserige Konsistenz, die an Hühnerbrust erinnert. Damit ist er der liebste Pilz aller Vegetarierinnen und Vegetarier, die insgeheim doch gern mal in ein Stück Hähnchenfleisch beißen würden. Nimm nur die jungen Ränder und schneide die äußeren vier Zentimeter des weichen Randes ab, denn das innere Gewebe ist eher zäh. Fruchtkörper, die auf Eiben oder Robinien wachsen, solltest du nicht nehmen, da sich die Giftstoffe, die sich in diesem Holz befinden, im Pilz anreichern können. Schwefelporlinge von Eichen schmecken eher säuerlich bist bitter. Am empfehlenswertesten sind die Pilze von alten Obstbäumen - Pflaumen oder Kirschen. Man kann diesen mild-würzigen Pilz panieren, braten, in Currys verarbeiten oder als Füllung für Pasta verwenden. Einzige Bedingung: Er sollte jung und frisch sein, denn ältere Exemplare werden zäh und bitter. Du erkennst ältere Pilze daran, dass sie zum Herbst hin eine gräulich bis sogar weißliche färbung annehmen. Lagert man ihn zu lange, schmeckt er säuerlich. Bei manchen Menschen reagiert der Körper mit leichten Verdauungsbeschwerden auf den rohen oder zu wenig gegarten Pilz. Am besten also beim ersten Mal mit kleinen Mengen testen, ob man den Pilz gut verträgt.

Ein Kilogramm Schwefelporling für ein Abendessen zu finden ist nicht schwer.

Rekordverdächtige Mengen

Was den Schwefelporling von anderen Pilzen unterscheidet, ist seine Körpermasse. Während Waldpilze ein paar Gramm wiegen, können Schwefelporling-Funde locker zehn bis zwanzig Kilogramm auf die Waage bringen. Ein einziger Fruchtkörper – eigentlich ein Verbund vieler einzelner Hüte – kann einen Eichen- oder Kirschstamm über mehrere Quadratmeter mit leuchtend orangefarbenem Pilzgewebe überziehen.

Auch die Saison ist relativ lang: Von April bis November kann man auf Schwefelporlinge stoßen, wenn auch die beste Sammelzeit im Frühling und Frühsommer liegt. Wer seinen Lieblingsbaum einmal als Wirt identifiziert hat, darf im nächsten Jahr wieder vorbeischauen, denn der Pilz taucht an denselben Stellen immer wieder auf.

Ein Pilz, der bleibt

Andere Pilze vergehen, er hält über Wochen durch - in den Farben eines toskanischen Sonnenuntergangs. Wer ihn zum ersten Mal im Wald entdeckt, wird ihn nicht so schnell vergessen. Und wer ihn zum ersten Mal in der Pfanne gebraten hat, wird ihn wahrscheinlich wieder sammeln. Der Schwefelporling ist ein Pilz, der bleibt.